Christoph Wulf, Deutsche UNESCO-Kommission e.V.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Bildungsbenachteiligung überwinden und Chancengleichheit schaffen – um diese Ziele zu verwirkli-chen, muss ein Bildungssystem alle Kinder erreichen und jedem Kind die Möglichkeit geben, sein individuelles Potenzial zu entfalten. Dies ist eine der größten und wichtigsten Herausforderungen, die es aktuell für die Bildungspolitik zu meistern gilt.

Mit dem weltweiten Aktionsprogramm der UNESCO „Bildung für alle“ hat sich die Weltgemeinschaft darauf geeinigt, bis 2015 sechs fundamentale Bildungsziele zu erreichen. Unter anderem sollen alle Kinder Zugang zu kostenloser Grundbildung erhalten und diese auch abschließen. Ebenso soll die Bildungsqualität verbessert werden. Die Weltgemeinschaft hat sich damit dem eminent wichtigen Ziel verpflichtet, allen Menschen bis 2015 gleichermaßen Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung zu verschaffen. Dieser Anspruch ist universal und gilt unabhängig von Geschlecht, sozialen oder öko-nomischen Voraussetzungen oder besonderen Lernbedürfnissen. Jeder Mensch muss in die Lage versetzt werden, seine Potenziale zu entfalten.

Das Konzept der Inklusion steht für genau diese Vision.

Sowohl international als auch in Deutschland erlangt das Konzept der inklusiven Bildung eine immer größere Bedeutung. Wir alle tragen Verantwortung dafür, dass diese Vision verwirklicht wird. Der aktuelle UNESCO-Weltbildungsbericht 2010 „Ausgeschlossene einbinden“ verdeutlicht, welch große Herausforderungen es nach wie vor weltweit zu bewältigen gilt. Er zeigt, dass weltweit noch immer 72 Millionen Kinder im Grundschulalter keine Schule besuchen und warnt, dass bei der Fortsetzung aktueller Trends auch im Jahr 2015 noch 56 Millionen Kinder keinen Zugang zu Schulbildung haben werden. Ein zentraler Grund dafür ist, dass viele Regierungen es bisher nicht geschafft haben, extre-me Ungleichheiten im Bildungssystem abzubauen. Viele Kinder werden nach wie vor aufgrund von Armut, Geschlecht, Behinderung oder anderen Faktoren ausgegrenzt.

Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, müssen wir Ausschluss und Marginalisierung unterbin-den. Nur inklusive Bildungssysteme, die flexibel auf die Lernbedürfnisse aller Kinder innerhalb eines gemeinsamen Unterrichts eingehen, können diesen Anspruch einlösen.

Die Forderung, Bildungssysteme inklusiv zu gestalten, hat auch die UNESCO-Weltkonferenz der Bil-dungsminister Ende 2008 in ihrer Abschlusserklärung erneut bekräftigt. Nicht der Lernende muss sich in ein bestehendes System integrieren, sondern Bildungssysteme müssen so gestaltet werden, dass sie sich den verschiedenen Bedürfnissen von Kindern flexibel anpassen. Folglich geht der Begriff der Inklusion weit über den der Integration hinaus. Alle Kinder müssen die Chance bekommen, an einem gemeinsamen Unterricht aktiv teilzunehmen. Sie müssen in die Lage versetzt werden, bestimmte Lernziele zu erreichen. Erst wenn dieses für alle Kinder gewährleistet werden kann, können wir von Bildungsgerechtigkeit sprechen.

Chancengleichheit in der Bildung zu schaffen, ist ein weiter Weg. Die Anstrengungen für ein inklusi-ves Bildungssystem werden sich jedoch auszahlen. Inklusive Bildung bietet einen entscheidenden Vorteil: Sie begreift Vielfalt und individuelle Unterschiede als Ressource. Die wertvollen Prozesse des miteinander und voneinander Lernens kommen allen Kindern zugute. Ihre intellektuellen, sozialen und kulturellen Kompetenzen werden gefördert.

Die internationale Forderung nach inklusiven Bildungssystemen ist, das ist offensichtlich, nicht nur für Entwicklungsländer relevant. Auch in Deutschland gilt es, einen Paradigmenwechsel zu vollziehen, um Bildungsgerechtigkeit zu verwirklichen.

Im internationalen Vergleich der Industriestaaten hinkt Deutschland bislang noch hinterher. In ande-ren europäischen Ländern, darunter Italien, Norwegen und Schweden, besuchen rund 95% aller be-einträchtigten Schüler allgemeine Schulen. In Deutschland hingegen werden rund 85% der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in separaten Förderschulen unterrichtet. Dies muss sich ändern, auch weil die 2009 auch von Deutschland ratifizierte UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen das Recht auf gemeinsamen Unterricht in einer allgemeinen Schule verankert.

Darüber hinaus erweisen sich die Förderschulen für die Schüler – neben Kindern mit Behinderungen sind dies vor allem Kinder mit Migrationshintergrund – häufig als Sackgasse für ihre weitere Entwick-lung. Rund 77% von Ihnen verlassen die Schule ohne Hauptschulabschluss.

Diese Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, den Inklusionsgedanken in Deutschland zu stärken und vo-ranzubringen. Ein qualitativ hochwertiges und gerechtes Bildungssystem haben wir erst dann, wenn niemand zurückgelassen wird.

Ich wünsche Ihnen für die anstehende Fachtagung viel Erfolg und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!