Petra Wagner, Fachstelle KINDERWELTEN, ISTA/ INA gGmbH

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste,

Ich begrüße Sie herzlich zu unserer internationalen Fachtagung.

Mein Name ist Petra Wagner, ich leite das Projekt KINDERWELTEN in der Internationalen Akademie an der Freien Universität Berlin, dort angesiedelt im Institut für den Situationsansatz. Mit der heuti-gen Tagung schließen wir nach 10 Jahren KINDERWELTEN das dritte Projekt zur Entwicklung und Ver-breitung vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung ab, wie wir unsere Adaption des Anti-Bias Ap-proach nach Louise Derman-Sparks nennen.

Bildung konsequent inklusiv – so ist der Titel unserer Tagung. Es geht also um Inklusion in der Bildung, um Nichtausgrenzung, um Einbeziehung, um Abbau von Barrieren, die Kinder daran hindern, sich bildend einzubringen. Es geht auch darum, dass dies KONSEQUENT geschehen soll. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Das konsequente Verfolgen von Inklusion meint, dass sie nicht nur in unseren Leitbildern und in den Präambeln von Bildungsempfehlungen – oder -programmen genannt sein soll, sondern konkretisiert werden muss, sich zeigen muss in den Mikrosituationen unserer pädagogischen Praxis, in den Interaktionen mit Kindern, Schüler_innen, Studierenden, Eltern und in der bewussten Gestaltung der Lernumgebung. Dass sie durchgängiges Prinzip auf allen Ebenen des Bildungssystems werden muss.

Dies hat KONSEQUENZEN für unser fachliches Handeln, bricht eine inklusive Praxis doch mit vielen unserer Denkgewohnheiten und Handlungsroutinen, die auf das Einebnen der Unterschiede hinauslaufen und auf die Ausgrenzung derer, die nicht „passen“.

Es gibt hier in der Ausstellung ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Erzieher_innen in einer Kita ihre Denkgewohnheiten und Handlungsroutinen in Frage gestellt und verändert haben. Als die Eltern-abende nicht gut besucht waren, stellten sie sich die Frage, was diese bisher kennzeichnet: Ein Einla-dungsschreiben – auf Deutsch – an die Eltern, eine Liste für die Eltern zum Eintragen, Gespräche auf kleinen Stühlchen am Abend, entlang der von den Erzieherinnen festgelegten Tagesordnungspunkte. Das Resultat: Beim ersten Elternabend sind viele Eltern da, beim zweiten weniger, beim dritten nur noch zwei…

Es ist nicht unüblich, in einem solchen Fall das mangelnde Engagement der Eltern zu beklagen, sie gar als „bildungsfern“ zu bezeichnen oder als nicht interessiert an der Bildung ihrer Kinder. Diese Be-trachtungsweise geht einseitig davon aus, dass Eltern sich den institutionellen Gepflogenheiten an-zupassen haben. Tun sie das nicht, so liegt der „Fehler“ bei ihnen. Es gibt dann keine Verständigung, sondern Schuldzuweisungen, die gleichzeitig Vorurteile und Zuschreibungen nähren.

Die Kolleg_innen im genannten Beispiel haben sich bewusst anders entschieden: Sie interpretierten die bröckelnde Teilnahme der Eltern dahingehend, dass ihr bisheriges Elternabend-Setting für ihre Elternschaft wohl nicht das passende sei. Sie einigten sich, dass ihnen die Verständigung mit den Eltern ein wichtiges Anliegen sei und dass es also an ihnen liege, eine Form zu finden, in der diese besser gelingt. Sie entschieden sich dafür, ihr Angebot so zu verändern, dass es für ihre Eltern passt. Um herauszufinden, was passend sein könnte, fragten sie die Eltern, welche Form der Zusammen-kunft sie sich vorstellen, um sich mit den Erzieher_innen und anderen Eltern auszutauschen. Das Ergebnis ist ein „Abholcafe“ in der Garderobe: Hier sitzen die Eltern gerne eine Weile, wenn sie zum Abholen ihrer Kinder kommen, hier unterhalten sie sich mit der Erzieherin, mit anderen Eltern – wie sie das tun, ist anschaulich in der Ausstellung dokumentiert. Das Ergebnis ist stimmig für diese Kita, für diese Eltern. Bemerkenswerter als das Ergebnis selbst ist jedoch der Reflexions- und Verände-rungsprozess im Team: Die Kolleginnen haben entgegen üblicher Denkgewohnheiten und Handlungs-routinen aktiv und vorurteilsbewusst Schritte unternommen, um mit den Eltern zusammen zu arbei-ten, mit möglichst allen Eltern. Wie sie es getan haben, ist beispielhaft für die Gestaltung inklusiver Praxis.

Ein KONSEQUENTES Verfolgen von Inklusion erfordert jedoch nicht nur Veränderungen auf individu-ell-fachlicher Ebene, sondern auch auf institutionell-struktureller Ebene: Wir brauchen Bildungsein-richtungen, die so angelegt sind, dass sie Inklusion befördern, sonst laufen unsere individuellen An-strengungen für Inklusion immer wieder ins Leere. Es sind Implikationen auf der Mesoebene der In-stitutionen, die beeinflussbar sind von Trägern der Bildungseinrichtungen, mit denen wir in KINDER-WELTEN auch daran gearbeitet haben, wie sie Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung als inklusive pädagogische Praxis in ihrem Handlungsbereich wirksam unterstützen können. Und es sind Implikati-onen auf der Makroebene des Bildungssystems, wo uns die umfassende Realität von Exklusion und Benachteiligung besorgen muss, die sich darin zeigt, dass in Deutschland stärker als in vielen anderen Ländern die soziale Herkunft von Kindern über ihre Bildungsbeteiligung und ihre Bildungserfolge ent-scheidet.

Mit der heutigen Tagung geht es uns um Impulse für beides, für unser individuell fachliches Lernen und für Strukturen, die wir für eine inklusive Praxis brauchen und einfordern müssen.

Beides sind auch Dimensionen in der internationalen Fachdiskussion: Wir freuen uns sehr, dass Loui-se Derman-Sparks, die Mitbegründerin des Anti-Bias Approach aus Kalifornien und Tony Booth, der Mitautor des Index für Inklusion von der Universität Canterbury in Großbritannien, heute Vormittag ihre Erfahrungen und Überlegungen zu Inklusion darlegen werden.

Vorgesehen war für diesen Teil auch Vernor Munoz, der Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen für das Recht auf Bildung, der in dieser Mission 2006 das Bildungssystem in Deutschland untersucht und kritisch darüber berichtet hat. Vernor Munoz musste seine Teilnahme wegen anderer Verpflich-tungen in der UN mit großem Bedauern absagen. Er anerkennt unser Bemühen um Inklusion und wünscht uns eine erfolgreiche Tagung.

Wir führen diese Tagung gemeinsam mit der GEW durch, ohne die wir sie in dieser Größenordnung nicht gemeistert hätten. Wir bedanken uns stellvertretend bei Norbert Hocke und Bernhard Eibeck von der GEW für die Unterstützung und gute Zusammenarbeit.

Unser Dank gilt auch dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das unser Projekt KINDERWELTEN als Modellprojekt im Rahmen des Bundesprogramms „Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ gefördert hat.

Und wir verdanken viel der Bernard van Leer Foundation, die uns bereits seit zehn Jahren fördert. Sie hat uns in all den Jahren nicht nur finanziell sondern auch konzeptionell unterstützt und zukunftswei-send investiert, z.B. in die Anbahnung europäischer Zusammenarbeit. Die Bernard van Leer Founda-tion hat das europäische Netzwerk DECET (Diversity in Early Childhood Education and Training) ange-regt und gefördert, ein Netzwerk von Partnerorganisationen in 10 Ländern, mit denen wir seit vielen Jahren kooperieren.

Einige DECET-Kolleg_innen sind heute unsere Gäste: Jan Peeters von VBJK in Belgien, der uns 1998 elektrisiert hat mit einem Vortrag über Anti-Bias Education in den USA; Dalvir Gil aus Großbritannien, die uns die Methode der Arbeit mit Persona Dolls nahegebracht hat; Michelle Clausier von ACEPP in Frankreich, von der wir viel über die Einbeziehung von Eltern gelernt haben.

Auch Rita Swinnen ist da, die in der Bernard van Leer Foundation die Projekte für Equity & Respect for Diversity mit unterstützt hat – und Jeanet van de Korput, die jetzt für uns zuständig ist in der Stif-tung. Natürlich möchten wir dir, Jeanet, mit dieser Veranstaltung auch zeigen, dass sich die Investiti-onen der Stiftung gelohnt haben!

Unser besonderer Dank gilt an dieser Stelle Henriette Heimgärtner, die vor über zehn Jahren in ihrer Tätigkeit als „Programme Specialist“ in der Bernard van Leer Foundation mit großem Einsatz KIN-DERWELTEN auf den Weg gebracht hat – und die inzwischen seit 4 Jahren gemeinsam mit Christa Preissing das Institut für den Situationsansatz leitet. Liebe Henriette, wir sehen die heutige Tagung in dieser Größenordnung auch als „Ernte“ deiner damaligen Überzeugung, dass Anti-Bias Education in Deutschland wichtig und wirksam ist!

Für uns war all die Jahre die Rückendeckung durch einen fachlich versierten und wohlwollenden Trä-ger wichtig, die wir im Institut für den Situationsansatz in der Internationalen Akademie an der Freien Universität Berlin bekamen. Dafür bedanken wir uns bei den Direktorinnen Christa Preissing und Henriette Heimgärtner. Christa Preissing werden Sie am Nachmittag zu Inklusion in Kitas hören.

Zusammen mit etwa 450 Projektbeteiligten haben wir bereits gestern einen Abschlusstag durchge-führt. Wir hatten also bereits die Gelegenheit zum Austausch über Erfahrungen und Erkenntnisse in den letzten zweieinhalb Jahren der Implementierung Vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung, nicht nur in Kitas, sondern auch in Grundschulen und Fachschulen für Sozialpädagogik. Kollegen und Kolleginnen der beteiligten Projekteinrichtungen – bundesweit 50 Kitas, 8 Grundschulen und 16 Fachschulen – haben ihre Arbeit dokumentiert, ihre Dokumentationen sind in der Ausstellung zu sehen. Um die Mittagszeit ist Zeit für die Ausstellungsbesichtigung vorgesehen.

Die Projektbeteiligten haben Vernetzungen auf regionaler Ebene begonnen, sich als „Kompetenzker-ne“ in Bildungsverbünden organisiert, um Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung zu verankern. Diese möchten wir heute sichtbar machen. Als Erste machen sich die Kollegen und Kolleginnen aus den Kompetenzkernen Baden Württemberg, Bremen und Thüringen bereit für einen kurzen Auftritt hier auf der Bühne, vor der Mittagspause sehen Sie die Kolleg_innen aus Niedersachsen (Hannover, Braunschweig und Hildesheim) und am Nachmittag die Kolleg_innen der drei Kompetenzkerne aus Berlin.

Ihnen allen danken wir für die gute Zusammenarbeit in den zurückliegenden 2 ½ Jahren! Sie haben viel eingesetzt an Ressourcen und Engagement für ein Anliegen, das nun wirklich kein Sonntagsspa-ziergang ist: Für Bildungsgerechtigkeit zu sorgen, sich Diskriminierung und Ausgrenzung zu widerset-zen, eine inklusive pädagogische Praxis zu etablieren.

Diese Tagung zeigt einen Zwischenstand, auf den ihr stolz sein könnt! Dass so viele von euch heute hier sind, macht uns zuversichtlich, dass wir gemeinsam das bundesweite Netzwerk zur Vorurteils-bewussten Bildung und Erziehung auch nach dem Abschluss des KINDERWELTEN-Projekts weiter ausbauen und festigen können.

Uns wird es jedenfalls auch nach Projektende geben: Wir planen weitere Praxisprojekte zur Vorur-teilsbewussten Bildung und Erziehung und außerdem den Aufbau einer Servicestelle als feste Einrich-tung, die bundesweit Fortbildungen, Beratungen, Materialien, Veranstaltungen, Publikationen zur Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung anbietet. Dafür sind wir auf der Suche nach Unterstüt-zung.

Mit „wir“ meine ich uns als KINDERWELTEN-Projektteam – ein kleines Kontinuitäts-Wunder, denn als Kern von 8 Kolleginnen (Serap Azun, Anke Krause, Mahdokht Ansari, Stefani Boldaz-Hahn, Ute Enss-lin, Barbara Henkys, Katinka Beber) arbeiten wir nun seit zehn Jahren zusammen und sind entschlos-sen, uns weiter für Inklusion stark zu machen. Vielen Dank, liebe Kolleginnen, für die fruchtbare und immer inspirierende Zusammenarbeit mit euch! Einige Kolleginnen werden Sie heute Nachmittag bei den Beiträgen zur Inklusion in Kitas und Grundschulen kennen lernen.

Die Organisation der Tagung erfordert viele mitdenkende Köpfe und helfende Hände: Danke an Anne Kuhnert und Annika Sulzer und an unsere vielen Helfer_innen, die Sie an den weißen T-Shirts erken-nen.

(Überarbeitete und ergänzte Version des Eröffnungsbeitrags)